29.05.2011 : Markus Heitz in der neuen The Vampires Ausgabe
Noch drei Tage bis zum Erscheinen der neuen Ausgabe von The Vampires. Auch in der zweiten Ausgabe hat es sich unser berühmtester Mitarbeiter Markus Heitz nicht nehmen lassen, eine Fortsetzung seiner Kurzgeschichte exklusiv für The Vampires beizusteuern.
Nach Kapitel 1 “Sicher?” kommt hier der erste Teil von Kapitel 2 der Fortsetzungsgeschichte “Stille Wasser sind …?”
Die komplette Story könnt ihr ab dem 1. Juni 2011 in der aktuellen Ausgabe von The Vampires nachlesen.
Kapitel II: Stille Wasser sind …?
by Markus Heitz
Was bisher geschah:
Theo und Leonore, zwei Vampire, leben in einer deutschen Großstadt (ja, es könnte jede sein!) gut getarnt unter den Menschen und dachten, sie wüssten alles, was man über Vampire wissen sollte: Blut ist Leben, Sonne tötet eben, Unsterblichkeit sowieso (außer in der Sonne, logisch), köpfen und verbrennen ist auch final ungesund. Das Übliche. Check, next.
Theo arbeitet als Kellner, Leonore als Tellerwäscherin im Retro, einem Szenelokal.
Aber als Leonore die Vampirin Sanne ungeplant und unbeabsichtigt mit Silberkugeln eliminiert, melden sich Zweifel bei Theo: Wieso Silber? Wieso erschießen? Was wirkt noch tödlich, von dem er bislang nichts ahnte?
Aus Eigenschutz heraus beginnt er mit der Recherche …
unvollständige Audiodatei, aufgezeichnet von einem Handy der Marke XXX/ Zeit: 19.11 Uhr MEZ/ Datum: 1. 1. 2011/ Ort: unbekannt/ Sprecher: männlich, unbekannt und weiblich, unbekannt
Frau (amüsiert): Na, das erste Kapitel hätten wir damit. Kalb! (lacht) Meine Güte! Und ich erinnere mich genau, dass es oft Kalb im Retro gab. Anfangs. Bis wir gemerkt haben, dass …
Mann (unzufrieden): Ich weiß nicht. Sollten wir es lieber Episode1 nennen?
Frau (nachdenklich): Nee. Da denken alle an StarWars. Vampire im Weltall. Spitze.
Mann (neugierig): Weltall … mh … Müsste man noch klären, ob das überhaupt ginge. Guter Hinweis!
Frau (erstaunt): Sag mir nicht, dass du das auch testen willst?
Mann: Aktuell habe ich nichts in der Richtung vor. Aber was nicht ist …?! Ich meine, wer weiß, wie lange wir noch leben? Kann doch sein, dass wir in fünfzig Jahren die erste erfolgreiche Mission ins Weltall begleiten.
Frau (angewidert): Zu viele Sonnen.
Mann (seufzt): Abgesehen davon.
- kurze Pause -
Frau (nachdenklich): Wieso sind wir eigentlich unsterblich?
Mann: Stimmt. Wieso eigentlich? (räuspert sich) Memo an mich: Checken, wie lange ich noch leben werde. Mein derzeitiges Vampirdasein beläuft sich auf einhundertelf Jahre, acht Monate, siebenundzwanzig Tage und … elfkommadrei Stunden.
Frau (lacht): Du zählst SO genau mit? Kein Scheiß?
Mann (genervt): Ja, tue ich. Seit wir die Testreihen laufen haben sowieso. Okay, Episo …
Frau: StarWars!
Mann (noch genervter): Na, schön: KAPITEL zwei …
Theo hatte sich gemütliche Kleidung angezogen, einen Kaffee gebraut und saß in seinem kleinen Büro vor dem immensen Bücherstapel. Er konnte es nicht fassen: bergeweise Material. Primär- und Sekundärliteratur über seine Art! Dutzende, ach was, unzählige Forscher hatten sich mit dem Vampirmythos beschäftigt, quer durch die Jahrhunderte, von 1732 bis in die Gegenwart.
Und ALLE wussten etwas über Vampire und deren Besonderheiten zu berichten …
„Scheiße“, murmelte Theo und seufzte, bevor er das dritte Buch nahm, das er sich aus der Universitätsbibliothek ausgeliehen hatte. Er schlug es auf und las, machte sich hingekritzelte Notizen; seine Zettelsammlung aus den beiden vorangegangenen Werken war inzwischen hoffnungslos umfangreich.
Bis zu Sannes jähem Silberkugelkopfschusstod hatte er sich für einen Klischeevampir gehalten – und musste bei der Lektüre verstehen, dass es anscheinend wohl nicht DEN Vampir gab. Der Volksglaube schlug ihm die Varianten und Ausnahmen nur so um die Ohren.
Theo blätterte, schrieb, blätterte, schrieb. Über Lebenszeit eines Vampirs; über seine Kräfte; über die Gründe seiner Existenz.
Die alten, vergilbten Seiten verströmten einen intensiven Geruch nach Holz, nach Druckerschwärze. Es war 1921 entstanden, hatte Flecke auf dem Einband und Fingerabdrücke auf den Blättern, enthielt Markierungen von vorangegangenen Lesern: Ausrufungszeichen, Unterstreichungen, unleserliche Anmerkungen. Theo stellte sich vor, wie andere Vampire vor ihm auf der Suche nach Antworten gewesen waren.
„Das sind mal viele Bücher.“ Leonore stand im Türrahmen, die Hände unter der Brust gekreuzt.
Theo hatte die hübsche Schwarzhaarige vorhin in seine bescheidene Wohnung gelassen, damit sie gemeinsam in den Aufzeichnungen stöberten; stattdessen hatte sie Stunden im Internet-Chat verbracht und seinen teuren Gourmetkaffee weggetrunken. „Wolltest du mir nicht helfen?“, sagte er ohne aufzublicken und unwirsch.
„Du wolltest, dass ich dir helfe“, erwiderte sie und nickte zu den Stapeln. „Ich bin mehr Praktikerin.“
Theo schnalzte mit der Zunge. „Habe ich bei Sanne gesehen.“ Er richtete sich auf und sah sie an. „Ich tue das hier, um nicht zufällig draufzugehen und die Risiken zu kennen. Fortbildung, um möglichst alt zu werden. Wissen könnte dir auch nicht schaden.“
„Schön! Ich belege einen Kursus bei dir, wenn du durch bist.“ Leonore grinste und kam näher. Wäre sie einen Tick größer gewesen, hätte sie Unsummen als Laufstegmodel verdienen können. So aber war sie Aushilfe im Retro und sah in ihren dunklen Straßenklamotten einfach nur sexy aus. Ohne Geld damit zu machen. „Soll ich dir einen Kaffee bringen?“
„Nein.“
Sie stellte sich ihm gegenüber auf die andere Seite des Tischs. „Und? Was dabei?“ Ihr Tonfall war jetzt sanfter. Ihr schlechtes Gewissen schien sich auf die Stimmbänder zu legen.
„Zuviel. Viel zuviel.“ Theo tippte sich mit dem Kugelschreiber gegen die Unterlippe. „Ich muss eine Prioritätenliste aufstellen und diese Thesen der Reihe nach testen“, sagte er mehr zu sich als zu ihr.
„An wem?“
„An dir?“ Er lächelte sie böse an, aber machte deutlich, dass er es nicht ernst meinte.
Leonore bleckte die Fangzähne. „Versuch’s lieber nicht.“ Sie nahm ein Notizblatt und überflog es. „Fließendes Wasser kann nicht überquert werden und sorgt dafür, dass der Vampir vergeht. Woher ist das denn?“
„Habe ich mal gelesen. Oder war es in einem Film?“
„In Bulgarien und Ungarn wurden Gefäße mit Wasser an die Gräber gestellt, in denen sich die Seelen, wenn sie auf Wanderschaft gehen wollten, verfangen sollten“, gab sie die niedergeschriebenen Sätze wieder. „Auch das Leichenwasser – Klammer auf, das Wasser, mit dem der Tote gewaschen wurde, Klammer zu – diente zur Abwehr, indem es hinter dem Sarg ausgeschüttet wurde und als Barriere fungieren sollte. Dahinter vermutet man den Ursprung des Glaubens, ein Vampir könne im Allgemeinen kein Wasser überqueren.“ Leonore wirkte plötzlich voller Tatendrang.


